Krisenszenarien
Krisenszenarien und Handlungsanweisungen¶
Szenario 1: Ransomware-Angriff¶
Das PVS ist verschlüsselt. Alle Patientendaten sind nicht zugänglich. Der Bildschirm zeigt eine Nachricht mit einer Erpresser-Adresse.
Sofortmaßnahmen (Erste 30 Minuten):
- Gerät sofort vom Netzwerk trennen
- Netzwerkkabel ziehen (nicht nur WLAN deaktivieren, sondern physisch trennen)
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Das verhindert die Ausbreitung auf andere Geräte
-
Externe Festplatten und USB-Geräte trennen
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Falls noch nicht verschlüsselt, schnell entfernen
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Gerät ausschalten – nicht neu starten
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Starten Sie nicht neu und versuchen Sie nicht zu beheben
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Backup-Status prüfen
- Liegt ein sauberes Backup vor, das VOR dem Angriff erstellt wurde?
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Das ist Ihre Rettung
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IT-Fachmann hinzuziehen – sofort
- Ransomware-Entfernung braucht Expertise
- Kontakt aus dem Notfalldokument
In den nächsten Stunden:
- Einfallstor identifizieren
- Wie kam die Ransomware rein?
- Phishing-Mail? Unsicherer RDP-Zugang? Ungepatche Software?
-
Das muss gefixt werden, sonst kommt der nächste Angriff
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Alle Passwörter ändern
- Ransomware klaut oft auch Zugangsdaten
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Alle Dienste, die sensibel sind (PVS, E-Mail, Banking)
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Anzeige erstatten
- Ransomware ist eine Straftat
- Polizei anrufen, Anzeige aufgeben
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Aktenzeichen notieren
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Datenschutzbehörde informieren
- Wenn das betroffene Gerät NICHT verschlüsselt war: 72-Stunden-Meldepflicht nach DSGVO Art. 33
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Kontakt aus dem Notfalldokument
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Versicherung informieren
- Cyber-Versicherung überprüfen
- Manche decken Wiederherstellungskosten ab
Wiederherstellung:
-
Gerät von Grund auf neu aufsetzen
- Formatieren und Betriebssystem neu installieren
- Niemals versuchen, Ransomware zu "bereinigen"
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Backup wiederherstellen
- NUR von einem Backup, das eindeutig VOR dem Angriff liegt
- Schrittweise testen, ob Daten korrekt sind
Wichtig: Zahlen Sie nicht Die häufigste Frage ist: "Sollen wir Lösegeld zahlen?" Die Antwort ist nein. - Die Zahlung garantiert keine Entschlüsselung - Sie machen sich zum wiederholten Ziel - Sie finanzieren Kriminelle - Die Polizei rät davon ab
Ihre beste Hoffnung ist ein gutes Backup – nicht die Zahlung.
Szenario 2: Datenpanne – Patientendaten versehentlich weitergegeben¶
Eine E-Mail mit Patientendaten wurde versehentlich an die falsche Person gesendet. Oder: Ein USB-Stick mit Patientenakten wurde gefunden.
Das ist eine Datenpanne. Sie haben eine Meldepflicht.
Sofortmaßnahmen (Erste 24 Stunden):
- Umfang klären
- Welche Daten waren betroffen? (Names, Diagnose, Versichertennummern?)
- Wie viele Patienten betroffen?
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Ist das Risiko "hoch" oder "niedrig"?
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Betroffene Daten zurückfordern
- Bei E-Mail: Die Empfängerin anrufen und um Löschung bitten
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Bei USB-Stick: Mit Polizei arbeiten, Stick sichern
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Datenschutzbehörde informieren
- Frist: 72 Stunden ab Kenntnis
- Meldepflicht nach DSGVO Art. 33
- Kontakt im Notfalldokument
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Was melden: Umfang der Panne, betroffene Daten, Maßnahmen
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Betroffene Patienten benachrichtigen – WENN hohes Risiko
- Wenn es wahrscheinlich ist, dass Daten missbracht werden
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Information sollte Datenschützer-freundlich sein und was Patienten tun können
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Interne Untersuchung
- Wie ist das passiert?
- Fehler des Mitarbeiters? Mangelnde Kontrolle? Zu permissive Berechtigungen?
- Was muss sich ändern?
Szenario 3: TI-Totalausfall¶
Der Konnektor ist nicht erreichbar. Die TI funktioniert nicht. Die Praxis kann keine Rezepte ausstellen, keine KIM-Nachrichten empfangen, keine eHBA-Funktionen nutzen.
Sofortmaßnahmen:
- KV-Hotline anrufen
- Kontakt im Notfalldokument
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Klären, ob es ein allgemeiner Ausfall ist oder nur bei der Praxis
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Praxis auf Offline-Betrieb wechseln
- Können Sie Rezepte auf Papier ausstellen? (Ja, das ist erlaubt)
- Können Sie Patienten über die Ausfalls informieren? (Telefonanrufe)
-
Was kann die Praxis OHNE TI noch tun?
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Fallback-Verfahren anwenden
- Manuelle Dokumentation von Rezepten
- Kommunikation über Alternative (Telefon, Fax – wenn nötig)
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Informieren Sie Patienten ehrlich: "Die TI fällt aus, aber wir können Sie behandeln"
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IT-Dienstleister: Hardware überprüfen
- Ist der Konnektor selbst defekt?
- Ist es ein Netzwerk-Problem?
- Ist es ein Dienst-Ausfall bei der Telematik-Infrastruktur?
Trost: TI-Ausfälle passieren. Das ist eine bekannte Situation. Sie ist unangenehn, aber managebar. Mit einem Fallback-Plan ist die Praxis nicht völlig lahm.
Szenario 4: Gerätediebstahl – Laptop mit Patientendaten¶
Ein Mitarbeiter verlässt die Praxis, und der Laptop ist weg. Der Laptop war nicht verschlüsselt, und die Festplatte enthält gecachte Patientendaten.
Sofortmaßnahmen (Erste 2 Stunden):
- Polizei anrufen und Diebstahl anzeigen
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Aktenzeichen notieren
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Gerät remote löschen (wenn möglich)
- Findmeapp, Microsoft-Account-Geräte-Verwaltung
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Das ist nur möglich, wenn es aktiviert war
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PVS-Zugang des Mitarbeiters sperren
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Falls der Laptop mit gespeicherten Zugangsdaten hatte
-
Backup überprüfen
-
Wurden Daten lokal kopiert? (Das sollte nicht sein)
-
Umfang klären
- Welche Patientendaten waren auf dem Laptop?
- Sind sie verschlüsselt? (Wenn ja: geringeres Risiko)
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Sind sie identifizierbar? (Name + Diagnose = hoch Risiko)
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Datenschutzbehörde informieren – WENN hohes Risiko
- 72-Stunden-Meldepflicht
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Aber: Wenn der Laptop verschlüsselt war, ist das Risiko gering – Meldung kann entfallen
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Versicherung informieren
- Hausrat oder Cyber-Versicherung
Lektion: Laptops sollten verschlüsselt sein (BitLocker, FileVault). Das macht solche Vorfälle viel weniger kritisch.
Szenario 5: Praxisbrand oder Wasserschaden¶
Physische IT-Katastrophe. Server, Netzwerk-Infrastruktur, Geräte sind zerstört.
Sofortmaßnahmen:
- Sicherheit zuerst – Evakuieren, Feuerwehr, Rettung
- Versicherung anrufen – Dokumentiere alles fotografisch
- Backup-Zugriff überprüfen – Ist das Backup physisch an einem anderen Ort?
- IT-Dienstleister: Recovery-Plan starten
- Notfall-Hardware beschaffen
- Backups spielen auf neuen Systemen ein
- Fallback-Betrieb einrichten – Extern, im Homeoffice, bei Kolleg*innen
Das ist die schlimmste Krise – aber mit cloudgestütztem Backup und einem guten Recovery-Plan ist die Wiederherstellung möglich.
Checkliste: Krisenszenarien¶
- Ich kenne die wichtigsten Szenarien und ihre Sofortmaßnahmen.
- Ein Notfalldokument mit Kontakten (IT-Dienstleister, Polizei, Datenschutzbehörde, KV) existiert.
- Alle Mitarbeiter wissen, dass Ransomware ein Gerät sofort vom Netz trennt – nicht neu startet.
- Backup-Tests sind dokumentiert und zeigen, dass Daten wiederhergestellt werden können.
- Es gibt einen Fallback-Plan für den Fall, dass die TI ausfällt.
- Versicherungen (Cyber, Betriebsunterbrechung) sind überprüft.